Glückwünsche, Prominenz, Atmosphäre und Substanz – beim „Anstoß Parität" haben 180 Gäste erlebt, wie ein runder Geburtstag dazu beitragen kann, das Profil des Paritätischen in NRW zu schärfen und zur Diskussion anzuregen: Cord Wellhausen ist zu seinem 70. Geburtstag mit der „Goldenen Ehrennadel“ ausgezeichnet worden. Die Glückwünsche waren bestimmt für Cord Wellhausen, den Landesvorsitzenden des Paritätischen, der an diesem Tag auch seinen 70. Geburtstag feierte. Prominentester Gast war der stellvertretende NRW-Ministerpräsident Prof. Dr. Andreas Pinkwart. Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Verwaltung, Ministerien und Kommunen sowie Gästen aus dem Paritätischen gratulierte er dem Jubilar in der schönen Atmosphäre des historischen Ständehauses K21, der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Zum Flair der Veranstaltung trug auch die Ausstellung der „fiftyfifty-Galerie“ bei. Namhafte Künstler unterstützen mit ihren Arbeiten die Hilfen für Obdachlose in Düsseldorf.
Das Thema beim Anstoß Parität ist gleichsam eine Versicherung für die Zukunft der Verbandsentwicklung, denn so lange der Wille der Bürgerinnen und Bürger da ist, ihr Lebensumfeld selbst zu gestalten, so lange lebt unsere Demokratie und so lange hat auch der Paritätische seinen festen Platz in der Gesellschaft, erklärte Else Rieser, stellvertretende Landesvorsitzende in ihrer Eröffnungsrede . Für Prof. Dr. Andreas Pinkwart, stellvertretender NRW-Ministerpräsident, ist Ehrenamt kein schöner Luxus. „Ehrenamt als freiwillige Selbstgestaltung gehört zur Substanz unseres Verständnisses von einer zivilen Gesellschaft“, betonte er in seinem Grußwort .
Substanz hatte die Veranstaltung auch durch den Vortrag von Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. Schneider referierte zum Thema „Selbstgestaltung ist Bürgerwille“. Dabei stellte er den Zusammenhang her zwischen dem individuellen Wunsch eines jeden Menschen, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, und dem Willen, das persönliche Umfeld und damit die Gesellschaft zu gestalten. „Der Mensch ist immer ein gesellschaftliches Wesen. Er kann nicht existieren, ohne auf andere Menschen zuzugehen. Gestalten und ‚sich gestalten’ gehören zusammen“, so Schneider. Der Mensch sei abhängig von seiner Umwelt; das fange mit der Geburt an. Doch auch schon das Kind wolle „ein Player“ sein und bei der Gestaltung der Umwelt mitmachen.
„Die Selbstgestaltung ist der tiefe Wille des Menschen, und die Demokratie ist die einzige Gesellschaftsordnung, durch die dieser Wille in gesellschaftliche Wirklichkeit umgesetzt werden kann“, betonte Schneider. Das „Gestalten von oben“ zerstöre die Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung. Die Politik müsse dies erkennen und aufgreifen. Schneider kritisierte dabei auch die wachsende Bürokratie in der Sozialen Arbeit: „Qualitätszentralismus will die Ergebnisse schon im Kindergarten messen. Auch in der Pflege sind Qualitätsmanagement und Dokumentationspflichten zwar gut gemeint, doch bürokratischer Zentralismus führt im Ergebnis nicht selten zum Gegenteil.“ Das wichtigste Potenzial werde oft nicht genutzt, nämlich dass Menschen mit gestalten und ihre Arbeit gut machen wollen. Er forderte dazu auf, diese gesellschaftliche Kraft nicht weiter zu ignorieren: „Fünf Ministerialräte haben nicht das Wissen von mehreren Millionen Eltern.“
Der Paritätische gebe dieser Dynamik eine Chance und zwar in wechselseitiger Toleranz und Offenheit. Soziale Arbeit müsse sich immer wieder neu definieren und gesellschaftliche Veränderungen frühzeitig aufgreifen. Dies gehöre im Paritätischen zur Grundlage der Verbandskultur. „Wenn es einen Verband gibt, der auf der Höhe der Zeit ist, dann ist es der Paritätische“, bekräftigte Schneider. Freiheit und Gleichberechtigung seien die Kernmotivationen für die Gründung des Verbandes in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts gewesen. „Diese rationale Wurzel wurde um das emotionale Ziel der Mitmenschlichkeit ergänzt. Das ist bis heute unsere Definition von ‚Parität’“. Die Freiheit der Menschen und ihre humanitäre Grundhaltung könne nicht vom Staat verordnet werden. Die Politik sei auf der nervösen Suche nach Lösungen für die Zukunftsprobleme: „Armut, demografischer Wandel, Bildung, Finanzmärkte und Rohstoffe sind Themen, die nicht in Kommissionen und an Schreibtischen gelöst werden können. Heute ist es notwendiger denn je, auf die Innovationskraft der Menschen zu setzen. Die Politik muss mehr Experimente zulassen und Toleranz riskieren.“