(Foto: Gesellschaft für soziale Projekte gGmbH)
Das Forum Demenz - Gesundheitsnetzwerk Duisburg hilft und berät Demenzkranke und ihre Angehörigen. Ziel ist es, die im Einzelfall beste Lösung für die Betroffenen zu finden. Das Modellprojekt wird unter anderem von der PariSozial Duisburg getragen und besticht durch die praktische Umsetzung von Case-Management-Methoden.
Eine 19-jährige Duisburgerin, die mitten in der Ausbildung steckt, pflegt seit Monaten alleine ihren demenzkranken Vater. Der bekommt nur eine minimale Rente, sie selbst auch nicht viel mehr Gehalt, die Miet- und Nebenkosten bedrohen die Existenz der beiden. Außerdem findet die junge Frau kaum Zeit zum Lernen, Freunde zu treffen und einmal abzuschalten. „Das ist einer der Fälle, die einem sehr nahegehen und bei denen wir als Case Manager alles dafür tun, diese unhaltbare Situation für alle Seiten optimal zu lösen“, sagt Ingo Behr, Diplom-Sozialwissenschaftler und Projektkoordinator des Forum Demenz – Gesundheitsnetzwerk Duisburg.
Am wichtigsten ist es, die Angehörigen der Menschen mit Demenz zu informieren und zu beraten. Denn oft ist es so, dass Lebenspartner/-in oder Familie mit der Diagnose Demenz überfordert sind. Behr bestätigt: „Für viele ist das ein Schock – der erste Gedanke ist oft, "Das schaffe ich alleine nicht". Hier setzen wir an. Schon nach dem ersten Gespräch mit einem/ einer unserer sieben Case Manager/-innen, die im Jahr rund 420 Fälle betreuen, gehen die Angehörigen mit einem viel besseren Gefühl wieder nach Hause“, erklärt Ingo Behr.
In diesem Gespräch werden die Angehörigen über die vielfältigen Hilfsangebote informiert. Der/die Case Manager/-in klärt auch über die Krankheit auf und macht sich selbst ein Bild von dem jeweiligen Fall. Kendra Anlahr, Diplom Sozialarbeiterin und Case Managerin: „Die Angehörigen sind oft sehr verunsichert und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Wir begleiten sie dann nicht nur in der ersten Phase, sondern stehen jederzeit als Ansprechpartner/-in zur Verfügung.“
(Foto: Gesellschaft für soziale Projekte gGmbH)
Die schwierige Situation, in der Demenzkranke und ihre pflegenden Angehörigen stehen, erklärt, warum einfache Konzepte der Information und Beratung nicht ausreichend greifen. Die „normalen“ Angebote werden von den Betroffenen häufig nicht in Anspruch genommen. Es ist schwierig, pflegende Angehörige davon zu überzeugen, Hilfs- und Entlastungsangebote zu nutzen, da sie selbst nicht wahrhaben wollen, dass ihre eigene Entlastung wichtig ist. Ingo Behr: „Die Pflege bringt oft erhebliche Belastungen mit sich, die vielfach über die eigenen körperlichen und seelischen Grenzen hinausgehen. Die Aufgabe nimmt die Pflegenden oft rund um die Uhr in Anspruch.“
Das Forum Demenz in Duisburg will die Angehörigen stärken, sodass sie frei von Schuldgefühlen Hilfe annehmen können. „Ohne ausführliche Beratung und eine längerfristige Begleitung kann dies nicht gelingen. Wichtige Fragen in diesem Zusammenhang sind beispielsweise: Wie beantrage ich die gesetzliche Betreuung? Welche Möglichkeiten habe ich bei der Pflegeeinstufung? Wir helfen, diese Fragen zu beantworten und unterstützen die Angehörigen beim Ausfüllen von Formularen und der Dokumentation der Pflege“, erklärt Kendra Anlahr.
Die klassische Vorgehensweise des Case Managements beginnt mit der ersten Kontaktaufnahme. In den meisten Fällen werden die Angehörigen der Menschen mit Demenz von den betreuenden Ärzten oder den Sozialdiensten der Krankenhäuser über das Forum Demenz informiert. „In Duisburg existiert inzwischen ein umfassendes Netzwerk von Multiplikatoren“, sagt Ingo Behr. Ein Gewinn für beide Seiten: Durch die kurzen Kommunikationswege bekommen die Angehörigen schnelle Hilfe und Beratung; die mit dem Modellprojekt kooperierenden Ärzte und Krankenhäuser werden von allen nicht medizinischen Aspekten entlastet.
Nach ersten Gesprächen und Hausbesuchen, bei denen sich der/die Case Manager/-in ein Bild von den Begebenheiten vor Ort macht, ermittelt er/sie den Versorgungsbedarf. „Einfach gesagt, wir gucken, wo der Schuh drückt“, erläutert Ingo Behr. Dazu nutzen die Case Manager/ -innen ein für das Modellprojekt entwickeltes Assessment-Verfahren: Sie sammeln und systematisieren alle relevanten Daten, die es erlauben, den Zustand der Klientinnen und Klienten aus psychischer, physischer und sozialer Hinsicht näher zu beleuchten.
Eine Vorgehensweise, die Vertrauen braucht, denn auch die finanzielle Situation und gesundheitliche Details sind notwendig, um ein optimales Hilfskonzept zu erarbeiten. Kendra Anlahr: „Das Assessment ist das wichtigste Instrument unserer Arbeit. Es gibt unter anderem Checklisten für Wohnräume. Wir schauen zum Beispiel, ob Stolpergefahren bestehen oder ob das Badezimmer demenzgerecht eingerichtet ist.“ Nach Auswertung der Daten werden, zusammen mit den Angehörigen, die nächsten Schritte eingeleitet.
Im Vordergrund steht dabei die Entlastung der Angehörigen. „Am besten für den Kranken ist es, so lange wie möglich zu Hause bleiben zu können“, weiß Ingo Behr. Aber die Familie darf darunter nicht leiden. „Wir geben Ratschläge zur häuslichen Pflege, empfehlen einen Pflegedienst oder besorgen einen Tagespflegeplatz. Unser umfangreiches Netzwerk ist da eine große Hilfe.“ Andere Möglichkeiten sind freiwillige häusliche Unterstützungsdienste und Betreuungsgruppen, in denen die Demenzkranken über einen bestimmten Zeitraum betreut werden. Auch sogenannte „Alzheimer-Cafés“ haben sich in Duisburg bewährt. Behr: „Es gibt eine ganze Reihe von Hilfen, die Angehörige entlasten können. Nur müssen sie zunächst darüber Bescheid wissen. Diese Wissenslücke füllen wir.“
Das Projekt kommt bei den Betroffenen gut an, wie Ingo Behr bestätigt: „Die Angehörigen sind sehr dankbar und erleichtert, wenn sie Hilfe von uns bekommen.“ Hilfe, die zeitlich nicht begrenzt ist, denn der Verlauf einer Demenzerkrankung kann sich schnell ändern. Deshalb beinhaltet die Betreuung durch einen/ eine Case Manager/-in auch, dass in regelmäßigen Abständen gemeinsam ermittelt wird, ob sich die Situation verändert hat. Durch das nachhaltige Monitoring können die Begebenheiten je nach Bedarf angepasst werden.
Auch die Situation der 19-jährigen Duisburgerin aus dem Eingangsbeispiel hat sich inzwischen entspannt. Hier übernimmt, durch Vermittlung des Case Managers, das Sozialamt die Tagespflege des demenzkranken Vaters. Dadurch stehen der Tochter wieder mehr finanzielle und zeitliche Ressourcen zur Verfügung, ohne dass sie ihren Vater vernachlässigen müsste.
(Text: Christian Donner, Wickede)
Kontakt:
PariSozial Duisburg – Gemeinnützige Gesellschaft für Paritätische Sozialdienste mbH
Forum Demenz
Mevissenstraße 16, 47059 Duisburg,
Tel. (0203) 3181431