(Foto: DKSB, Essen)
(Foto: DKSB, Essen)
Es gibt nicht viele Orte im Ruhrgebiet, an denen die Vergangenheit so eng mit der Zukunft verknüpft ist wie im Essener Stadtteil Katernberg. Hier, im Schatten der Fördertürme des Unesco Weltkulturerbes Zeche Zollverein, hört und sieht man heute spielende Kinder, die vom Kinder- und Familienzentrum Blauer Elefant Zollverein betreut werden. In einem ehemaligen Zechenhaus ist die Einrichtung des Deutschen Kinderschutzbundes, Ortsverband Essen, seit 1991 zu Hause. Das großzügige Haus mit vielen kleinen Räumen und gemütlichen Spielecken ist perfekt auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt. Auf dem großzügigen Außengelände mit Hügeln und Bäumen befinden sich Spielanlagen, Karussells und ein Gartenhaus, in dem sich eine „Naturwerkstatt“ befindet.
Im Sommer 2006 wurde der Blaue Elefant Zollverein als Best-Practice-Einrichtung im Rahmen der Gründung von Familienzentren in NRW ausgezeichnet. Eine Würdigung, die eigentlich gar nicht geplant war, wie die Leiterin Annette Müller rückblickend erzählt: „Wir haben unsere Unterlagen in der ersten Bewerbungsphase ganz normal abgeschickt. Wenig später kam ein Brief zurück, in dem stand, dass wir bereits alle Kriterien für die Zertifizierung erfüllen und als Best-Practice-Einrichtung vorgeschlagen sind.“ Die von der Landesregierung geforderte Vernetzung frühkindlicher Betreuung, Bildung, Erziehung und Beratung mit Unterstützung der Familien wird in Essen-Katernberg bereits seit Jahren verwirklicht. Der Blaue Elefant Zollverein nimmt auch die Aufgabe einer Anlauf- und Beratungsstelle für Familien wahr, wie Annette Müller berichtet: „Natürlich stehen die Kinder bei uns im Mittelpunkt. Aber die meisten unserer Angebote sind auf die Einbindung der ganzen Familie und die Beratung der Erziehenden ausgerichtet.“
In dem Familienzentrum finden eine Reihe außergewöhnlicher Aktionen für Kinder und Eltern statt. Die Einbeziehung der Erziehenden ist auch den besonderen Herausforderungen geschuldet, die der Stadtteil Katernberg mit sich bringt. Er gilt als einer der ärmsten in der Ruhrmetropole: Jedes vierte Kind ist von existenzsichernder Hilfe abhängig, jedes dritte hat einen Migrationshintergrund und der Stadtteil hat mit 18 Prozent den höchsten Kinderanteil. Müller: „Die Auswirkungen des familiären Umfelds, Armut, fehlende soziale und emotionale Sicherheit sind bei uns spürbar. Unsere Einrichtung wird deshalb gerne von Kindern alleinerziehender Elternteile und von Kindern aus Familien, die sich in Krisen- und Notsituationen befinden, besucht.“ Kein einfaches Umfeld, dem das Kinder- und Familienzentrum Einfallsreichtum und besondere Aktionen entgegensetzt.
Die Einrichtung arbeitet nach dem Grundsatz „Viele Hilfen aus einer Hand“ und reagiert flexibel auf die spezifischen Situationen von Kindern und Erziehenden. Die Struktur des Hauses macht die besonderen Anforderungen deutlich: Das Kinder- und Familienzentrum ist eine Kombination aus Kindergarten und offenem Angebot. Außerdem ist eine Erziehungsberatungsstelle integrativer Bestandteil der Einrichtung. Insgesamt gibt es hier sechs Kindertagesstättengruppen, darunter zwei Kindergartengruppen, eine davon mit Blocköffnungszeiten, in der die Kinder auch über Mittag betreut werden können. Zusätzlich gibt es weitere 49 Betreuungsplätze in drei Tagesstättengruppen für Kinder im Alter von zwei bis sechs. Eine vierte Tagesstättengruppe übernimmt die Betreuung der Drei- bis Zehnjährigen. Insgesamt betreuen 20 fest angestellte Mitarbeiter/-innen und zwei Honorarkräfte 150 Kinder. Für Schulkinder gibt es Möglichkeiten zur Hausaufgabenbetreuung und schulischen Lernförderung, sowie Angebote zur Freizeitgestaltung mit Spiel- und Sportaktionen und Ausflügen.
Kinder aus Familien mit besonderem Betreuungsbedarf können zudem den Fahrdienst der Einrichtung nutzen. So haben die Erzieherinnen die Garantie, dass die Kinder regelmäßig zur Einrichtung kommen. Die umfangreiche Betreuung der Kinder zielt auch auf eine gesunde Ernährung. Müller: „Für viele Kinder ist ein regelmäßiges Mittagessen heutzutage leider keine Selbstverständlichkeit. Ein gemeinsamer Mittagstisch ist daher eine wichtige Ergänzung unseres Angebots.“ Tipps zur ausgewogenen Ernährung stehen auch sonst beim Blauen Elefanten auf der Tagesordnung. Mit Erfolg, wie Annette Müller lachend berichtet: „Eine Mutter ist neulich zu mir gekommen und erzählte, dass ihr Sohn die angebotenen Pommes mit der Begründung ‚Aber Mama, Pommes sind doch rot!’ ausschlug – in Anlehnung an eine Einteilung der Nahrungsmittel in unsere Gruppen, bei der rot für ungesund und grün für gesund steht.“
Beim Blauen Elefanten Zollverein kann die ganze Familie offene Angebote wie die Rückenschule für Eltern, Kochkurse und den monatlichen Familiensamstag nutzen. Müller: „Durch unsere Angebote entlasten wir die Eltern bei der Kinderbetreuung. Lange, flexible Öffnungszeiten leisten einen entscheidenden Beitrag zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Unser Haus hat sich mit der Zeit zu einer Begegnungsstätte entwickelt. Es gibt für die Eltern Kurse und Vorträge zu familienspezifischen Themen und individuelle, regelmäßige Beratungsgespräche über Entwicklungsprozesse des Kindes.“ Auch die Freizeit wird vom Blauen Elefanten mitgestaltet: Es gibt regelmäßige Feste und Konzerte, sowie als Höhepunkt die jährliche Familienfreizeit. Müller: „Einmal im Jahr fahren wir mit Familien an die Nordsee. Dort finden wir Gelegenheit, die Familiensysteme und Beziehungen der einzelnen Mitglieder untereinander zu beobachten und, wenn es erforderlich ist, unterstützend tätig zu werden. Die Eltern können Kontakte knüpfen und Erziehungsmuster vergleichen.“
All diese Aktionen werden von den Eltern gerne angenommen und intensiv nachgefragt. Das Fördergeld für die Auszeichnung zur Best-Practice-Einrichtung wurde in neues Personal investiert, um den hohen Qualitätsansprüchen weiter gerecht werden zu können. In wöchentlichen Teamsitzungen wird die pädagogische Arbeit geplant und reflektiert. Diese interne Überprüfung basiert auch auf dem Feedback der Kinder und Eltern. „Hier in Katernberg merkt man schnell, wenn Angebote nicht richtig funktionieren – dann kommt nämlich erst gar keiner“, schmunzelt Müller. Aber das ist selten geworden, denn das Ansehen der Einrichtung ist deutlich gestiegen: „Wir sind natürlich als Einrichtung des Kinderschutzbundes in der Öffentlichkeit anders angesehen, als beispielsweise kirchliche Kindergärten. Unser Image hat sich aber stark verändert. Erst neulich sagte ein Vater zu mir: „Früher habe ich immer gedacht, ihr betreut nur Problemfälle. Jetzt bin ich froh, dass mein Sohn zu euch kommen kann.“
(Christian Donner, Wickede)