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"Bollywood in Bottrop, Hip-Hop in Hochfeld"

Ku.Ki - Kulturarbeit mit sozial benachteiligten Kindern

Auf den Händen laufen, Drehungen auf dem Kopf und Perkussion auf selbst gebauten Instrumenten – das fällt diesen Kindern nicht schwer. Sie bringen oft Rhythmusgefühl und Ideen mit, sehnen sich nach Aufmerksamkeit – lauter gute Voraussetzungen für die Bühne. Text lernen und sich konzentrieren, auch wenn es Kritik gibt, das sind Hindernisse, die im Alltag oft unüberwindliche Hürden darstellen. Und genau an diesem Punkt setzt das Projekt Ku.Ki – Kulturarbeit mit Kindern an.

Offenes Angebot zum Einsteigen

Welche Kultur bringen Kinder mit, die als „sozial benachteiligt“ angesehen werden und in schwierigen Verhältnissen leben? Was interessiert sie, was können sie? Und was verstehen sie eigentlich unter Kultur? Diese Fragen beschäftigten die Tanztherapeutin Anke Schneider im Ku.Ki-Projekt am Standort Bottrop. Hinter der Fassade von Förderschule, die für die meisten Kinder die Regel ist, entdeckten die Projektmitarbeiterinnen bald viele Potenziale: Die Lust auf Rap und Hip-Hop bei den Jungen oder auf orientalischen Tanz und Bollywood bei den Mädchen.

Bei diesen Interessen knüpfte das Team an und begann mit passenden Angeboten zu Tanz und Perkussion, es folgten die Bereiche Theater, Gestaltung und Neue Medien. Dabei entstanden Mosaiksteine, die zu insgesamt drei Tanztheaterstücken montiert wurden. Kinder aus dem Kosovo und Jugendliche aus Roma-Familien, darunter einige Schulverweigerer, zeigten sich in ihren Auftritten akrobatisch, als kompetente Tänzerinnen und Tänzer mit viel Bewegungspotenzial. Roma-Mädchen mit dem Faible für indische Tanzfiguren konnten Liedtexte in Hindi verstehen und übersetzen – eine der großen Entdeckungen in diesem Projekt.

Zugleich sind Konflikte unvermeidlich: Die Jungs tun sich schwer damit, Regeln zu akzeptieren, sie halten die Arbeit in großen Gruppen kaum aus und sind vielfach untereinander in Konkurrenz verstrickt. Aufgegeben haben dennoch nur wenige. Das spricht für das Konzept des offenen Angebotes. Es sagt aber auch viel über das Strickmuster eines Schulsystems aus, bei dem diese Kinder und Jugendlichen regelmäßig durchs Raster fallen.

Ku.Ki

Mit Vorgaben im Offenen Ganztag

Einen anderen Ansatz wählte Ku.Ki in Duisburg. Hier startete das Kulturprojekt ganz neu im Stadtteil Hochfeld. Der Arbeiter-Samariter-Bund als Projektpartner des Paritätischen Landesverbandes NRW zog in die alte Feuerwache ein und knüpfte Kontakte zur benachbarten Grundschule. Die Beteiligten integrierten das Projekt in den Fachunterricht für Kunst, Musik und Sport. Zusätzlich gab es Workshops in den Schulferien.

Anders als in Bottrop gab es für die Kultur-Kooperation feste Stückvorgaben: So sollte beispielsweise das Musical „Der Held der See“ mit Grundschulkindern auf die Bühne gebracht werden. Alles, was dazu notwendig war, wurde im Projekt von Kindern selbst geleistet. Sie studierten Gesangs- und Tanzchoreografien ein, sorgten mit selbst gebauten Instrumenten für die Klangkulisse und gestalteten das Bühnenbild. Am Ende standen drei Theaterproduktionen und die Erkenntnis, dass Kulturarbeit in dieser Form wirkt. Sie ist ein Angebot, das sozial benachteiligte Kinder ermutigt und stärkt.

Hürden und Hindernisse

Viele, die in Bottrop-Boy oder Duisburg-Hochfeld aufwachsen, haben kaum Chancen, ihre Fähigkeiten zu erproben und mit den eigenen Talenten zu glänzen. Beide Projektstandorte sind Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf: Arbeitslosigkeit und Armut prägen den Alltag besonders der vielen Familien mit Migrationsgeschichte. In beiden Stadtteilen engagieren sich Mitgliedsorganisationen des Paritätischen NRW – eine wichtige Voraussetzung für ein Projekt, das nachhaltig wirken soll.

Martin Debener vom Paritätischen NRW und Projektleiter Ku.Ki erklärt: „Auch Kinder, die beispielsweise zu dritt in einem Bett schlafen oder in Elends­unterkünften leben, in denen sich mehrere Familien eine Dusche im Keller teilen, sind zu außer­ordent­lichen Leistungen und großer Kreativität in der Lage. Anfangs verliefen die Proben chaotisch, die Konzentration der Kinder lag im Sekundenbereich.“

Doch es gelang, die Kinder zu motivieren, ihnen klar zu machen, dass das lästige Üben von Texten und Tanzschritten das Projekt voran bringt, und dass sie für sich selbst auf der Bühne Verantwortung übernehmen können. „Ku.Ki funktioniert nach dem Prinzip der Selbstwirksamkeit: Die Kinder lernen, dass sie durch ihr Handeln ein persönliches Ziel erreichen und erfolg­reich sein können“, erklärt Debener.

Bühne frei

Mitschüler und Freunde waren für die Kinder und Jugendlichen als Zuschauer wichtiger als die eigenen Eltern. Viele verbringen mehr Zeit in der Öffentlichkeit, als im Elternhaus. Sie wollten die Anerkennung ihrer Peergroup und deren Applaus für ihre gezeigte Leistung. „Ich habe eine Gänse­haut, wenn ich Theater spiele“, bringt ein Mädchen aus Duisburg den Effekt auf den Punkt. Eine Schülerin mit Lernbehinderung verblüffte mit einem freien Text auf der Bühne ihre Schulleiterin, die „gar nicht gedacht hätte, dass dieses Mädchen sich so viel merken kann.“

Kontinuität bieten

Solche Aufmerksamkeit und positive Rückmeldung bekommen die Kinder normaler­weise nicht. Projektleiter Martin Debener ist überzeugt: „Es lohnt sich, den Schwer­­punkt der Ressourcen einer Politik für benachteiligte Kinder und Jugend­liche zu verlagern – von der Krisenintervention hin zu einem präventiven Ansatz.“ Kulturarbeit muss Teil der Regelförderung werden und noch viel früher im Leben der Kinder ansetzen. Denn es geht um Impulse, die entscheidend für ein ganzes Leben sein können. Debener hofft, über die verbands­eigene Stiftung „Gemeinsam Handeln“ das Spendenvolumen für „Ku.Ki“ zu erhöhen, denn das Modellprojekt läuft nur noch bis Ende Februar 2009: „Über Spenden können wir die großartige Arbeit weiterführen und den Kindern Kontinuität bieten.“
(Text: Katrin Sanders, Journalistin / Martin Debener, Projektleiter)

Kontakt:
Martin Debener
Tel. (0211) 94600-17
Mail: debener@paritaet-nrw.org

 

Über das Projekt
Weitere Informationen zum Projekt, zu den Kooperationspartnern sowie den Evaluationsbericht, das Praxishandbuch und den Ku.Ki-Film als Download [Mehr]
Spenden für Ku.Ki
Spendenkonto für das Projekt Ku.Ki und weitere Informationen zur verbandseigenen Stiftung "Gemeinsam Handeln" [Mehr]
Pressekontakt
Annette Ruwwe I Telefon: 0202 / 2822-388 I Mobil: 0173 / 5830079 I Mail: presse@paritaet-nrw.org


 
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