Uwe Komes
Menschen mit einer Behinderung haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in einer Wohnform ihrer Wahl. So lautet das Credo der beiden Duisburger Organisationen Behinderten-Wohnheim Duisburg gemeinnützige GmbH und der Psychiatrischen Hilfsgemeinschaft Duisburg gemeinnützige GmbH (PHG). Beide Gesellschaften helfen Menschen mit Behinderung beim selbstständigen Leben in der eigenen Wohnung. Ein besonderer Schwerpunkt: Behinderte Menschen mit Migrationshintergrund werden durch muttersprachliche Fachkräfte über ambulant betreutes Wohnen informiert und bei der Umsetzung unterstützt.
Uwe Komes
"Das ambulant betreute Wohnen ist eine spezielle Dienstleistung für behinderte Menschen, die in einer eigenen Wohnung leben oder ein selbstständiges Wohnen beabsichtigen“, erläutert Uwe Komes, Geschäftsführer der PHG Duisburg gGmbH, das Hilfsangebot. Kurt Kaslack, pädagogischer Leiter vom Behinderten-Wohnheim Duisburg, ergänzt: „Ziel der Unterstützungsleistungen ist es, die Fähigkeiten von Menschen mit geistiger Behinderung zu erhalten und zu stärken, um ihnen ohne stationäre Aufnahme ein selbstständiges Leben zu ermöglichen.“
Kurt Kaslack
Die beiden Gesellschaften arbeiten seit mehreren Jahren intensiv zusammen und ihr Modellprojekt wird von der Aktion Mensch unterstützt. Komes: „Wir betreuen Menschen, die zu ihrer Verselbstständigung, Aktivierung und psychischen Stabilisierung, je nach Art und Schwere ihrer Beeinträchtigung, persönliche Hilfe benötigen.“ Die Unterstützungsleistungen werden individuell angepasst und in einem Hilfeplan festgelegt. Kurt Kaslack erläutert beispielhaft, wie so eine Hilfe aussieht: „Unsere Fachkräfte begleiten die Betroffenen bei der Bewältigung des Alltags. Sie machen regelmäßige Hausbesuche, geben Anleitung bei der Haushaltsführung und unterstützen bei der Inanspruchnahme medizinischer und sozialer Dienste und Leistungen sowie beim Umgang mit Ämtern, Banken und anderen Institutionen.“
Bei der Betreuung von Menschen mit Behinderung fiel den Verantwortlichen immer wieder auf, dass der Anteil von behinderten Menschen mit Migrationshintergrund bei der stationären und ambulanten Versorgung signifikant niedriger ist, als es dem eigentlichen Bevölkerungsanteil entsprechen würde. In der Versorgungsregion Duisburg-Nord wohnen beispielsweise insgesamt 201000 Menschen, davon haben circa 36000 Menschen einen ausländischen Pass – die türkischen Migrantinnen und Migranten stellen den größten Anteil. „Wenn wir in unsere Einrichtungen schauen, fragen wir uns oft: ‚Wo sind die Menschen mit Migrationshintergrund?’“, sagt Kurt Kaslack. Während diese noch in heilpädagogischen Kindergärten, bei der Frühförderung und in Schulen zu finden sind, nimmt der Anteil in den Werkstätten und anderen Betreuungsangeboten wie dem stationären Wohnen stark ab und geht beim betreuten Wohnen gegen null. Diese Erfahrungen haben dazu geführt, ein integriertes Angebot für Migrantinnen und Migranten aufzubauen.
Hülya Bıyıklı
Dafür wurden zwei Stellen mit muttersprachlich türkischen Kräften geschaffen: Zum einen im Bereich der Aufklärungs-, Öffentlichkeits- und Multiplikatorenarbeit und zum anderen im Aufbau von Angeboten des ambulant betreuten Wohnens. Hülya Bıyıklı, Diplomsozialpädagogin, und Sevim Kanat, Sozialpädagogin, wollen den Migrantinnen und Migranten mit Behinderung und ihren Familien aufzeigen, welche Angebote es für ihre individuelle Situation, unabhängig von sprachlichen Barrieren und soziokulturellen Unterschieden, gibt. Bıyıklı: „Menschen mit einer geistigen Behinderung sind in der türkisch-sprachigen Gesellschaft in Deutschland stärker stigmatisiert als in der deutschen. Dies führt dazu, dass diese häufiger in der Familie betreut und von der Gesellschaft ferngehalten werden. Viele Mütter verfallen dabei auf mystische Erklärungsmuster und sehen die Behinderung des Kindes als gottgegeben und schicksalhaft an.“ So trägt die Familie die ganze Last der Betreuung und scheut sich davor, externe Hilfen in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig werden dadurch die eigene Isolation und die des betroffenen Menschen weiter verstärkt.
Sevim Kanat
Ein großes Problem ist die Sprachbarriere, wie Sevim Kanat erklärt: „Zwei Aspekte sind hier besonders wichtig. Zum einen ist es für die Eltern schwierig, die Hilfsangebote der verschiedenen Institutionen zu verstehen. Zum anderen sind die Betroffenen aufgrund ihrer Behinderung nicht oder nur schwer in der Lage die deutsche Sprache systematisch zu erlernen.“ Hier setzen die beiden Frauen an: Die betroffenen Familien und Menschen mit Behinderung können sich bei ihnen über die Hilfsangebote in ihrer Muttersprache informieren. Ein anderer wichtiger Vorteil ist das Verständnis für die kulturellen Hintergründe der Familien. Ohne diese Kenntnisse besteht die Gefahr, dass Befindlichkeiten, Handlungen oder auch Äußerungen fehlinterpretiert werden. Hülya Bıyıklı nennt ein Beispiel: „Für mich ist es selbstverständlich, vor dem Betreten der Wohnung die Schuhe auszuziehen. Eine auf den ersten Blick einfache Geste, die aber den Respekt vor den Gastgebern zeigt. Wenn ich mich mit der Familie dann noch ungezwungen auf Türkisch unterhalte, entsteht schnell eine sehr herzliche Atmosphäre, die es für beide Seiten einfacher macht, über Aspekte der Behinderung zu sprechen.“
Für Uwe Komes hat die Arbeit mit muttersprachlichen Fachkräften viele Vorteile: „Der Satz ‚Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie stehen’, gilt auch in diesem Fall. Es gibt bisher nur ganz wenige Angebote, die den besonderen Anforderungen dieser Zielgruppe gerecht werden.“ Ein erstes Fazit fällt positiv aus. Kanat: „Ich habe bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Mein eigener Migrationshintergrund wirkt sich bei der Arbeit positiv aus, weil die betroffenen Familien schnell Vertrauen zu mir aufbauen. So fällt es allen Beteiligten leichter, auch schwierige Themen anzusprechen.“ Bıyıklı ergänzt: „Gerade, wenn es um das betreute Wohnen geht, tun sich viele Familien schwer, den Menschen mit Behinderung aus der Obhut der Familie in die Selbstständigkeit zu geben. Wir müssen den Eltern dann klarmachen, dass sie den Sohn oder die Tochter aber nicht bis zum Ende des eigenen Lebens betreuen können. Dies ist ein komplizierter Prozess, der aber besser funktioniert, wenn wir diese Dinge verständlich und vertrauensvoll besprechen können. Wir fungieren so als Türöffner für beide Seiten – für die Betroffenen und für die verschiedenen Institutionen mit ihren Hilfsangeboten.“
Kontakt
Behinderten-Wohnheim Duisburg gemeinnützige GmbH
Sevim Kanat
Michaelsstraße 2
47055 Duisburg
Telefon (0203) 3481926
bwh-abw-kanat@t-online.de
www.behindertenwohnheim-duisburg.de
PHG Duisburg gemeinnützige GmbH
Hülya Bıyıklı
Emscherstraße 215
47166 Duisburg
Telefon (0203) 449976-01
huelya.biyikli@phg-du.de
http://www.phg-du.de
(Text/Fotos: Christian Donner, Wickede)