FORUM sprach mit Maike Rock (Geschäftsführerin Paritätische Qualitätsgemeinschaft® Leistungsanbieter in der Eingliederungs- und Gefährdetenhilfe / Fachberaterin Wohnen für Menschen mit Behinderung im Rheinland), Marika Wollschläger (Geschäftsführerin der Offenen Hilfen bei der Lebenshilfe Lüdenscheid e.V. u.a. Frühförderstellen) und Jürgen Wanitzke (QM-Beauftragter bei der Kontakt- und Krisenhilfe im Ennepe-Ruhr-Kreis e.V.) über zielgruppenübergreifendes Qualitätsmanagement (QM) in der aktuellen Arbeitsgruppe (AG 7) der Paritätischen Qualitätsgemeinschaft® Leistungsanbieter in der Eingliederungs- und Gefährdetenhilfe.
FORUM: Frau Rock, was ist das Besondere an der aktuellen Arbeitsgruppe?
Maike Rock: An der AG 7, die im März letzten Jahres gestartet ist, nehmen Mitgliedsorganisationen aus den Fachbereichen Frühförderung und Wohnen für Menschen mit geistiger, körperlicher oder psychischer Behinderung teil. Innerhalb eines zweijährigen Curriculums entwickeln die Trägervertreter/-innen verbindliche Qualitätskriterien und -standards für ihre Einrichtungen auf Grundlage der Normenreihe DIN EN ISO 9000:2000 ff. Dieser Prozess findet zielgruppenübergreifend statt, es entstehen Synergien über die Fachgrenzen hinaus – auch innerhalb des Paritätischen. Obwohl die Einrichtungen mit ihren Dienstleistungen verschiedene Zielgruppen ansprechen, in der Frühförderung das Kind, beim Ambulant Betreuten und Stationären Wohnen den erwachsenen Menschen mit einer Behinderung, arbeiten die Teilnehmer/-innen gemeinsam an einem zertifizierungsreifen QM-System.
FORUM: Funktioniert das in der Praxis, Herr Wanitzke?
Jürgen Wanitzke: Anfangs hat mich diese heterogene Zusammensetzung ein wenig irritiert. In der Arbeitsgruppe sind ja nicht nur verschiedene Fachgebiete vertreten, die QM-Systeme der Einrichtungen befinden sich auch in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Aber genau davon profitiert die Kontakt- und Krisenhilfe. Wir haben in unserer Einrichtung für Menschen mit psychischer Behinderung erst letztes Jahr mit QM angefangen, weil besonders der Bereich Ambulant Betreutes Wohnen stark gewachsen ist. Die Zahl der Mitarbeiter/- innen ist seit 2003 von zehn auf knapp 50 Vollzeitstellen angestiegen, die Abläufe wurden aus diesem Grund etwas unübersichtlich. Daher sind die Anregungen anderen Teilnehmer/-innen beim Definieren der Kernprozesse und Bearbeiten von Schwachstellen sehr hilfreich.
Maike Rock: Die Qualitätspolitik und Leitziele der einzelnen Einrichtungen sind zwar nicht identisch. Trotzdem kann die Gruppe gemeinsam übergeordnete Strategien für die Beschreibung bestimmter Abläufe erarbeiten.
FORUM: Wie sehen Sie das, Frau Wollschläger?
Marika Wollschläger: Mittlerweile genauso, aber es hat schon etwas gedauert, bis sich unsere Arbeitsgruppe inhaltlich eingespielt hat. Wenn der Referent Methoden zum Erstellen und Auswerten eines Fragebogens zur Kundenzufriedenheit vorstellt, können die Einrichtungen beider Bereiche diese Grundstruktur nutzen. Einzelne Fragestellungen müssen jedoch zielgruppenspezifisch weiterentwickelt werden. Die Klientel im Betreuten Wohnen hat nun mal andere Bedürfnisse als die Eltern in der Frühförderung.
FORUM: Warum ist Ihr Verein der Paritätischen Qualitätsgemeinschaft® beigetreten?
Marika Wollschläger: Die Lebenshilfe Lüdenscheid war mit dem Fachgebiet Stationäres Wohnen bei der Gründung der Arbeitsgemeinschaft im Jahr 2003 eines der ersten Mitglieder, mit der Frühförderung sind wir seit dem Start der AG 7 dabei. Ziel ist es, mit all unseren Frühförderstellen ein gemeinsames QM-System aufzubauen und Kernprozesse einheitlich zu beschreiben. Mir fehlen jedoch die Zeit und die personellen Ressourcen, um diese Anforderung alleine und ohne Anleitung umzusetzen. Dabei helfen mir die Gruppenarbeit, die Qualitätshandbücher der anderen Mitglieder, der fachliche sowie verbandliche Erfahrungsaustausch sehr.
Jürgen Wanitzke: Mit dem Input der Teilnehmer/-innen erweitere ich kontinuierlich meinen Horizont. In zwei bis drei Jahren möchte sich unsere Einrichtung zertifizieren lassen. Wir machen das nicht aus reinem Selbstzweck, sondern sehen unser QM-System als integralen Bestandteil des gesamten Managements. Die Kontakt- und Krisenhilfe hat bisher schon gute Arbeit geleistet. Jetzt möchten wir einzelne Prozesse verbessern und für alle Mitarbeiter/-innen transparenter machen. Auch die interne Kommunikation und die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Arbeitsbereichen sollen optimiert werden. Diese Anforderungen lassen sich mit einem fundierten QM-System einfacher realisieren.
FORUM: Können Sie das bestätigen, Frau Rock?
Maike Rock: Ja, und ich bin froh, dass unsere Mitglieder die Weiterentwicklung ihres QM-Systems ernst nehmen, obwohl kein Druck zur Zertifizierung besteht. In der Praxis arbeiten viele aus dem Bauch heraus, was auch gut ist. Kündigt aber beispielsweise ein langjähriger Mitarbeiter, geht wertvolles Wissen verloren, wenn die Kernprozesse seines Aufgabengebiets vorher nicht dokumentiert worden sind. Eine Zertifizierung ist allerdings auch sehr teuer und die Träger können es in der Regel nicht refinanzieren.
Marika Wollschläger: In unserer Einrichtung möchte ich demnächst einen Qualitätszirkel organisieren, damit wir im Team an unserem Handbuch arbeiten können. Für den Einstieg in die Interdisziplinäre Frühförderung stehen in nächster Zeit außerdem neue Verhandlungen an. Auch dafür ist QM gut, es gibt uns Sicherheit und Argumentationsstärke gegenüber den Kostenträgern.