Ehemalige Heimkinder – traumatisiert und vergessen?

Erster Besuch der NRW-Opferschutzbeauftragten bei den Überlebenden

 

Mönchengladbach, 28. März 2018. Es waren bewegende Lebensgeschichten, von denen ehemalige Heimkinder aus ganz NRW heute der Opferschutzbeauftragten des Landes Elisabeth Auchter-Mainz berichteten. Seelische, sexualisierte und körperliche Gewalt: Kinder, die in der Nachkriegszeit in Heimen der Jugend- und Behindertenhilfe oder Psychiatrie untergebracht waren, haben vielfach unermessliches Leid erfahren. Hilfen gab es nach der Zeit im Heim in den seltensten Fällen. Heute sind sie im Rentenalter und müssen mit starken psychischen und physischen Beeinträchtigungen oder Erkrankungen leben.

„Das Schlimmste wäre, wenn unsere Misshandlungs-Erfahrungen, denen wir an diesen grausamen Orten ausgeliefert waren, geleugnet und wir Opfer dieses Unrechts vergessen werden. Genau das geschieht im Moment", so die erschütternde Bilanz von Uwe Werner, Vorsitzender der 1. Community - Ehemalige Heimkinder NRW. Unter dem Dach der Mitgliedsorganisation des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW haben sich Betroffene zusammengeschlossen, um für ihre Rechte zu streiten. Der Paritätische unterstützt den Verein dabei, hat unter anderem den Kontakt zur Opferschutzbeauftragten hergestellt. Auchter-Mainz war der Einladung des Vereins sehr gerne nachgekommen: „Zum einem möchte ich die wichtige Arbeit des Vereins kennenlernen. Zum anderen möchte ich die hier tätigen Menschen und ihre Schicksale kennenlernen und ihnen zuhören. Auch bin ich interessiert daran, über ihre aktuellen Lebenssituationen informiert zu werden, und zu erfahren, welche konkrete Unterstützung sie sich wünschen.“

Die Antwort der ehemaligen Heimkinder war eindeutig: Sie möchten mit ihrem Leid von der Gesellschaft, ihren Institutionen und der Politik als Überlebende anerkannt werden. Eine einheitliche Rente über 300 Euro für alle ehemaligen Heimkinder, wie es sie in Österreich gibt, käme diesem Wunsch sehr entgegen. Die Betroffenen dürften nicht weiter allein gelassen werden, forderte Barbara Kanne, Referentin für Opferhilfe beim Paritätischen NRW. „Die Überlebenden müssen ihre verbleibende Lebenszeit in Würde gestalten können, ohne weitere Retraumatisierungen durch unwürdige Antragsverfahren bei den Entscheidungsträgern und Sozialgerichtsverfahren. Wir haben uns als Paritätischer den Kampf für die Menschenrechte auf die Agenda geschrieben. An Tagen wie heute wird mir wieder schmerzlich bewusst, wie nötig das auch 2018 noch ist”, so Kanne. Zudem müssten die wichtigen Aufgaben wie Beratung, Begleitung und Aufarbeitung des Erlebten, die der Verein seit Jahren ehrenamtlich leistet, dringend finanziell gefördert werden. 

Hintergrundinfos:

 

Der Paritätische NRW

Von der ehrenamtlichen Bürgerinitiative bis zur hauptamtlich geführten sozialen Organisation: Der Paritätische NRW bildet das Dach von rund 3.100 Organisationen mit mehr als 6.000 Einrichtungen und Diensten in allen Feldern der sozialen Arbeit. Der Verband berät seine Mitgliedsorganisationen fachlich, organisatorisch und betriebswirtschaftlich, sichert die Qualität ihrer Arbeit und vertritt ihre Interessen gegenüber Politik und Kostenträgern. Der Paritätische NRW ist konfessionell und parteipolitisch unabhängig. Zugleich ergreift er Partei für Menschen, die keine Lobby haben. 

www.paritaet-nrw.org

 

 

Mensch, Du hast Recht!

Auch 70 Jahre nach Verabschiedung der Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen werden diese Rechte regelmäßig verletzt. Auch in Deutschland, auch in NRW. Der Paritätische möchte deshalb im Rahmen der Kampagne „Mensch, du hast Recht!“ das Thema in der Öffentlichkeit präsenter machen. Der Paritätische tritt täglich für die sozialen und individuellen Menschenrechte ein. Von besonderer Bedeutung sind im Jahr 2018 die Themen Wohnen, Bildung, Gesundheit, Teilhabe, Selbstbestimmung, sowie Schutz, Zuflucht und Hilfe.

www.mensch-du-hast-recht.de

 

 

1. Community - Ehemalige Heimkinder NRW e.V.

In der 1. Community haben sich ehemalige Heimkinder aus Nordrhein-Westfalen zusammengeschlossen, die in der Nachkriegszeit in Kinderheimen und Erziehungsanstalten, Behindertenheimen oder auch in der Psychiatrie aufgewachsen sind und erzogen wurden. Wichtigstes Anliegen ist der Einsatz für die Anerkennung des Schmerzes und des Unrechtes, welches den Heimkinder zugefügt wurde: sei es durch körperliche und seelische Misshandlung, durch sexuellen Missbrauch oder durch die Gabe von Medikamenten, die zu Versuchszwecken und Ruhigstellung verabreicht wurden. Der Verein hat sich 2015 mit 32 Mitgliedern gegründet und ist in ganz NRW tätig. Mittlerweile zählt er rund 100 Mitglieder, die sich in drei Ortsgruppen zusammengeschlossen haben. 

www.deutschlands-heimkinder.de