Handtuch- und Zahnputzbecherhalter in einer Kita. Darüber kleben Fotos der Kinder.

Kitas brauchen familiengerechten Arbeitsmarkt

Freie Wohlfahrtspflege NRW will Arbeitgeber stärker in die Pflicht nehmen

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wünschen sich 60 Prozent der Eltern in Nordrhein-Westfalen flexiblere und längere Öffnungszeiten der Kitas. Tatsächlich haben aber nur 22 Prozent der Einrichtungen nach 16:30 Uhr und 57 Prozent um 7 Uhr oder früher geöffnet. Mit der derzeitigen Finanzierung, Personalausstattung und den von Eltern wählbaren Buchungszeiten von 25, 35 oder 45 Stunden sind längere Öffnungszeiten nach Ansicht der nordrhein-westfälischen Wohlfahrtsverbände nicht realisierbar. Sie tragen gemeinsam rund 7.500 Kitas in Nordrhein-Westfalen. Sie fordern außerdem einen familiengerechteren Arbeitsmarkt.

Buchungszeit von 25 Stunden abschaffen


„Wenn wir ein flexibles und bedarfsgerechtes Betreuungsangebot schaffen wollen, müssen wir zumindest die Buchungszeit von 25 Stunden endlich abschaffen“, sagt Heinz-Josef Kessmann, Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Münster. Er tritt heute gemeinsam mit der sozialpolitischen Beauftragten der Diakonie RWL, Helga Siemens-Weibring, für die Freie Wohlfahrtspflege NRW im Landtag als Experte auf.

Mehr Geld nötig


Vor allem die Buchungszeit von 25 Stunden biete kaum Flexibilität, da in der Kita auch nur für diese Zeit Personal finanziert werde, betonen die beiden Kita-Experten. Anders sieht es bei einer Buchungszeit von 45 Stunden aus. Innerhalb dieses Zeitfensters können Eltern flexibler entscheiden, wann sie ihr Kind bringen und abholen. „Es ist sinnvoll, dieses Buchungsmodell auszubauen. Aber dafür muss mehr Geld ins System“, fordert Kessmann.

Verantwortung der Arbeitgeber/-innen


Siemens-Weibring sieht beim Thema flexible Öffnungszeiten, die Eltern eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen, auch die Arbeitgeber/-innen in der Pflicht: „In der Diskussion steht immer die unzureichende Betreuungssituation in den Kitas im Vordergrund. Die Verantwortung der Arbeitgeber/-innen für die zunehmend familienunfreundliche Flexibilisierung der Arbeitszeiten kommt nur am Rande vor.“ Die Politik müsse stärker auf die Wirtschaft einwirken, damit der Arbeitsmarkt in Deutschland tatsächlich familiengerechter werde, fordert sie.

Passende Arbeitszeitmodelle und verlässliche Betreuung


Siemens-Weibring sieht Unternehmen in der Pflicht, für ihre Mitarbeitenden mit Familie passende Arbeitszeitmodelle zu entwickeln und sich auch für eine gute und verlässliche Betreuung zu engagieren. Sie sollten sich stärker an der Finanzierung von Kindergartenplätzen im eigenen Betrieb oder in Kitas am Firmenstandort beteiligen. So könnten mehr der dringend benötigten Kitaplätze in NRW entstehen.

Familienfreundliche Arbeitszeiten


Mit Blick auf das Wohl der Kinder müssten Regelungen geschaffen werden, die eine Betreuung des Kindes über neun Stunden täglich begrenzten, ergänzt Kessmann. Einzelfälle müssten gesondert geregelt werden, jedoch immer mit Blick auf das Kindeswohl. „Wenn wir über flexible Öffnungszeiten reden, sollten wir bedenken, was Eltern und Kinder wirklich wollen und dazu gehört es, mehr Zeit miteinander zu verbringen.“ Dafür sei es wichtig, nicht nur starre Betreuungsmodelle aufzulösen, sondern auch familienfreundlichere Arbeitszeiten zu schaffen.