Selbsthilfe - das ist eine wichtige, für viele Menschen unverzichtbare Form des Bürgerengagements. Selbsthilfe zu fördern bedeutet, sich auf vielfältige Themen und nicht selten unerwartete Entwicklungen einzulassen. Mit rd. 15.000 Selbsthilfegruppen zählt Nordrhein-Westfalen zu den „Selbsthilfe-aktiven“ Regionen Europas. Etwa fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung engagieren sich in einer Selbsthilfegruppe, im Suchtbereich liegt der Anteil mit bis acht Prozent am höchsten. Rund zwei Drittel der Selbsthilfegruppen beschäftigen sich mit Gesundheitsthemen (chronische Erkrankung, Sucht, Behinderung, psychische Probleme), die anderen befassen sich mit eher sozialen (Familie, Partnerschaft, Älterwerden). Eine strikte Trennung nach gesundheitsbezogener und sozialer Selbsthilfe ist aber angesichts der vielfältigen Selbsthilfeformen und eines meist ganzheitlichen Ansatzes des Engagements nicht angemessen.
In nahezu allen Arbeitsbereichen des Paritätischen wirkt die Arbeit der Selbsthilfe:
Erste Kontaktmöglichkeit für Initiativen sowie für Bürgerinnen und Bürger, die sich konkret engagieren wollen, sind die Kreisgruppen des Paritätischen. Sie bieten den Zugang zu einem differenzierten Unterstützungs- und Dienstleistungssystem, zu den Erfahrungen und Kompetenzen des landesweiten Verbandsnetzwerkes.
Selbsthilfe-Kontaktstellen und Selbsthilfe-Büros
In Nordrhein-Westfalen ist der Paritätische Träger von 23 Selbsthilfe-Kontaktstellen und 12 Selbsthilfe-Büros. Die Aufgaben einer Selbsthilfe-Kontaktstelle sind:
Eine Kontaktstelle ist nicht auf einen fachlichen Schwerpunkt (z. B. Sucht) konzentriert, sondern arbeitet problemlagen- und fachübergreifend. Eine Kontaktstelle ist Anreger, Impulsgeber, Vermittler, Förderer, Multiplikator der Selbsthilfe. Selbsthilfe-Büros sind fachlich mit Kontaktstellen verbunden und wirken in Regionen, in denen es bisher keine eigenständige Kontaktstelle gab.
Neben einer Förderung durch die jeweiligen Kommunen ist es vor allem das Engagement der gesetzlichen Krankenkassen in Nordrhein-Westfalen, die auf der Grundlage des § 20 c SGB V (Gesetzliche Krankenversicherung) gemeinsam die Förderung für die Kontaktstellen ausgeweitet haben. Dadurch gibt es in NRW eine bundes- und europaweit einzigartige Infrastruktur der Selbsthilfe-Unterstützung.
Das Internet-Portal der Selbsthilfe
Die Arbeit der Selbsthilfe-Kontaktstellen in NRW unterstützt der Paritätische Wohlfahrtsverband seit 1998 mit einem eigenen Webportal für die Selbsthilfe, dem Selbsthilfenetz (www.selbsthilfenetz.de). Das Selbsthilfenetz umfasst:
Das Selbsthilfenetz arbeitet seit 1998 auf gemeinnütziger Grundlage, ohne Werbung oder gewerbliche Einnahmen. Gefördert wird das Selbsthilfenetz von den beiden Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) Rheinland-Hamburg und Westfalen-Lippe und durch den personellen und finanziellen Einsatz des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.
Bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe: Gemeinsame Potentiale nutzen - Beispiel "In-Gang-Setzer“-Projekt - Selbsthilfe auf den Weg bringen
"In-Gang-Setzer“ umschreibt ein neues methodisches Konzept. Zurzeit erproben 22 Selbsthilfe-Kontaktstellen aus sechs Bundesländern – allein in NRW zehn – den Ansatz. Das Konzept wurde vom Paritätischen NRW entwickelt, der auch die Projektleitung inne hat. Die Finanzierung des Projektes (bis Ende 2012) übernehmen der Bundesverband der Betriebskrankenkassen und der BKK-Landesverband NORDWEST. Das Projekt will die Bereitschaft vieler Menschen, sich bei Bedarf einer Gruppe anzuschließen, aufnehmen, die Wege zur Selbsthilfe ebnen und Zugangsbarrieren zur Selbsthilfe abbauen (www.in-gang-setzer.de). Menschen, die nach dem "In-Gang-Setzer“-Konzept qualifiziert sind, sind ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen der Selbsthilfe-Kontaktstellen. Sie können dazu beitragen, dass
In-Gang-Setzer sind nur zeitlich begrenzt in besonderen Gruppen-Phasen dabei – bei Gruppengründungen oder Gruppenkrisen. Aufgabe der In-Gang-Setzer ist eine Prozessbegleitung, nicht eine Ergebnisberatung. Ihre Begleitung konzentriert sich darauf, die Mitglieder der Gruppe zu unterstützen, zueinander zu finden. Ein Wesensmerkmal dieser Methode: In den inhaltlichen Austausch der Betroffenen und der an Selbsthilfe Interessierten bringen In-Gang-Setzer sich nicht ein.
Gegenwärtig ist der Ansatz konzeptionell und organisatorisch eng mit den Selbsthilfe-Kontaktstellen verbunden. Doch auch viele Selbsthilfeverbände und Mitgliedsorganisationen fragen an, ob diese Methode auch dort eingesetzt werden kann. Das wird eine wichtige Fragestellung des weiteren Projektverlaufs sein. Darüber hinaus wird diskutiert, inwieweit der Ansatz generell bei der Aktivierung von Bürgerengagement – auch über den Bereich der Selbsthilfe hinaus – hilfreich sein kann.
Jahresbericht 2010/2011 (Stand Juni 2011)