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Selbsthilfeunterstützung im Paritätischen

Die Potentiale der Bürgerinnen und Bürger fördern

Selbsthilfe - das ist eine wichtige, für viele Menschen unverzichtbare Form des Bürgerengagements. Selbsthilfe zu fördern bedeutet, sich auf vielfältige Themen und nicht selten unerwartete Entwicklungen einzulassen. Mit rd. 15.000 Selbsthilfegruppen zählt Nordrhein-Westfalen zu den „Selbsthilfe-aktiven“ Regionen Europas. Etwa fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung engagieren sich in einer Selbsthilfegruppe, im Suchtbereich liegt der Anteil mit bis acht Prozent am höchsten. Rund zwei Drittel der Selbsthilfegruppen beschäftigen sich mit Gesundheitsthemen (chronische Erkrankung, Sucht, Behinderung, psychische Probleme), die anderen befassen sich mit eher sozialen (Familie, Partnerschaft, Älterwerden). Eine strikte Trennung nach gesundheitsbezogener und sozialer Selbsthilfe ist aber angesichts der vielfältigen Selbsthilfeformen und eines meist ganzheitlichen Ansatzes des Engagements nicht angemessen.

In nahezu allen Arbeitsbereichen des Paritätischen wirkt die Arbeit der Selbsthilfe:

  • Gesundheit: Selbsthilfe chronisch kranker bzw. behinderter Menschen oder von Eltern, deren Kinder behindert oder krank sind
  • Kinder und Jugend: Selbsthilfe von Eltern bei der Kinderbetreuung und der Förderung von Kindern und Jugendlichen
  • Familien: Selbsthilfe alleinstehender Mütter und Väter oder mit Ausländern verheirateter Ehepartner
  • Armut und Arbeitslosigkeit: Selbsthilfe-Aktivitäten von arbeitslosen und von Armut betroffene Menschen in problematischen Stadtteilen

Erste Kontaktmöglichkeit für Initiativen sowie für Bürgerinnen und Bürger, die sich konkret engagieren wollen, sind die Kreisgruppen des Paritätischen. Sie bieten den Zugang zu einem differenzierten Unterstützungs- und Dienstleistungssystem, zu den Erfahrungen und Kompetenzen des landesweiten Verbandsnetzwerkes.

Selbsthilfe-Kontaktstellen und Selbsthilfe-Büros
In Nordrhein-Westfalen ist der Paritätische Träger von 23 Selbsthilfe-Kontaktstellen und 12 Selbsthilfe-Büros. Die Aufgaben einer Selbsthilfe-Kontaktstelle sind:

  • Beratung und Vermittlung von Selbsthilfe-Interessenten
  • Hilfe bei der Gründung von Gruppen
  • Unterstützung der Selbsthilfegruppen und Initiativen
  • Zusammenarbeit mit professionellen HelferInnen, Politik und Verwaltung
  • Information der Öffentlichkeit über das vorhandene Selbsthilfe-Engagement

Eine Kontaktstelle ist nicht auf einen fachlichen Schwerpunkt (z. B. Sucht) konzentriert, sondern arbeitet problemlagen- und fachübergreifend. Eine Kontaktstelle ist Anreger, Impulsgeber, Vermittler, Förderer, Multiplikator der Selbsthilfe. Selbsthilfe-Büros sind fachlich mit Kontaktstellen verbunden und wirken in Regionen, in denen es bisher keine eigenständige Kontaktstelle gab.

Neben einer Förderung durch die jeweiligen Kommunen ist es vor allem das Engagement der gesetzlichen Krankenkassen in Nordrhein-Westfalen, die auf der Grundlage des § 20 c SGB V (Gesetzliche Krankenversicherung) gemeinsam die Förderung für die Kontaktstellen ausgeweitet haben. Dadurch gibt es in NRW eine bundes- und europaweit einzigartige Infrastruktur der Selbsthilfe-Unterstützung.

Selbsthilfenetz

Das Internet-Portal der Selbsthilfe
Die Arbeit der Selbsthilfe-Kontaktstellen in NRW unterstützt der Paritätische Wohlfahrtsverband seit 1998 mit einem eigenen Webportal für die Selbsthilfe, dem Selbsthilfenetz (www.selbsthilfenetz.de). Das Selbsthilfenetz umfasst:

  • Erst- und Übersichts-Information für an Selbsthilfe interessierte Bürger/-innen - Da hier schon viele wichtige Informationen zur Selbsthilfe verfügbar sind, entlastet das Portal die Kontaktstellen von der Vermittlung solcher schriftlich verfügbaren Informationen und unterstützt deren Beratungsfunktion.
  • Suche nach einer Selbsthilfegruppe - Nutzer/-innen können auf Kontaktdaten zugreifen, die von den Kontaktstellen regelmäßig aktualisiert werden. Dies sichert die Qualität der Information und ermöglicht Rückfragen bei der jeweiligen Kontaktstelle, wenn zusätzliche Informationen zu einer Gruppe benötigt werden. Mitte 2011 umfasst das Selbsthilfenetz Angaben über rd. 8.000 Selbsthilfegruppen. Es kann davon ausgegangen werden, dass auf diesem Wege zu mehr als zwei Drittel aller Selbsthilfegruppen in NRW erste Informationen geliefert werden. Die persönliche, fachliche Beratung findet dann nach wie vor durch die Selbsthilfe-Kontaktstellen oder die überregionalen Selbsthilfeorganisationen statt.
  • Fachinformationen rund um die Selbsthilfe für alle Interessierten und in der Selbsthilfe engagierten Menschen sowie Fachleute - Neben Informationen zur Selbsthilfearbeit stehen Arbeitshilfen, Formulare und wichtige Arbeitspapier bereit.

Das Selbsthilfenetz arbeitet seit 1998 auf gemeinnütziger Grundlage, ohne Werbung oder gewerbliche Einnahmen. Gefördert wird das Selbsthilfenetz von den beiden Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) Rheinland-Hamburg und Westfalen-Lippe und durch den personellen und finanziellen Einsatz des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

"In-Gang-Setzer“-Projekt

Bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe: Gemeinsame Potentiale nutzen - Beispiel "In-Gang-Setzer“-Projekt - Selbsthilfe auf den Weg bringen
"In-Gang-Setzer“ umschreibt ein neues methodisches Konzept. Zurzeit erproben 22 Selbsthilfe-Kontaktstellen aus sechs Bundesländern – allein in NRW zehn – den Ansatz. Das Konzept wurde vom Paritätischen NRW entwickelt, der auch die Projektleitung inne hat. Die Finanzierung des Projektes (bis Ende 2012) übernehmen der Bundesverband der Betriebskrankenkassen und der BKK-Landesverband NORDWEST. Das Projekt will die Bereitschaft vieler Menschen, sich bei Bedarf einer Gruppe anzuschließen, aufnehmen, die Wege zur Selbsthilfe ebnen und Zugangsbarrieren zur Selbsthilfe abbauen (www.in-gang-setzer.de). Menschen, die nach dem "In-Gang-Setzer“-Konzept qualifiziert sind, sind ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen der Selbsthilfe-Kontaktstellen. Sie können dazu beitragen, dass

  • schwierige Phasen im Engagement – insbesondere in der Gründungsphase – besser bewältigt werden und
  • sich dadurch die Chancen für ein stabiles Engagement erhöhen.

In-Gang-Setzer sind nur zeitlich begrenzt in besonderen Gruppen-Phasen dabei – bei Gruppengründungen oder Gruppenkrisen. Aufgabe der In-Gang-Setzer ist eine Prozessbegleitung, nicht eine Ergebnisberatung. Ihre Begleitung konzentriert sich darauf, die Mitglieder der Gruppe zu unterstützen, zueinander zu finden. Ein Wesensmerkmal dieser Methode: In den inhaltlichen Austausch der Betroffenen und der an Selbsthilfe Interessierten bringen In-Gang-Setzer sich nicht ein.

Gegenwärtig ist der Ansatz konzeptionell und organisatorisch eng mit den Selbsthilfe-Kontaktstellen verbunden. Doch auch viele Selbsthilfeverbände und Mitgliedsorganisationen fragen an, ob diese Methode auch dort eingesetzt werden kann. Das wird eine wichtige Fragestellung des weiteren Projektverlaufs sein. Darüber hinaus wird diskutiert, inwieweit der Ansatz generell bei der Aktivierung von Bürgerengagement – auch über den Bereich der Selbsthilfe hinaus – hilfreich sein kann.

Jahresbericht 2010/2011 (Stand Juni 2011)

 

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