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Arbeitsmarktentwicklung - Profiling - Vermittlung

Eine Analyse von Verbindungen

Krise unabhängig von Konjukturzyklen
Die Wirtschaftskrise in Deutschland besteht seit mehreren Konjunkturzyklen. Ein Ende ist nicht abzusehen. Eines ihrer Hauptmerkmale ist die Tendenz sinkender Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts. Dies gilt auch für Nordrhein-Westfalen (NRW): Die Konjunkturzyklen der letzten drei Jahrzehnte mündeten jeweils in eine Krise mit rückläufigem Bruttoinlandsprodukt. Seit 1993 liegt das durchschnittliche Wirtschaftswachstum bei weniger als 1,3 %. Allein das Jahr 2000 wies mit 3 % ein deutlich überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum auf. Doch bereits in 2001 stagnierte das Wirtschaftswachstum mit 0,2 % und für 2002 muss von einer ähnlich mageren Zuwachsrate ausgegangen werden.

Konjunkturabhängige Beschäftigung?
Das schwache Wirtschaftswachstum geht einher mit einer stagnierenden Arbeitskräftenachfrage. Für die letzten Zyklen ist die Konjunkturabhängigkeit der Beschäftigung ausgesprochen charakteristisch. Die Beschäftigung nimmt nicht nur in Krisenjahren, sondern auch in Aufschwungjahren ab.

Teilzeitbeschäftigung nimmt weiter zu
Zudem hat sich die Beschäftigtenstruktur in den 90er Jahren beachtlich verändert: Von 1992-99 schrumpfte die Zahl der Beschäftigten mit Normalarbeitszeit parallel zum Anstieg der Teilzeitbeschäftigten. Ohne diesen Anstieg wäre der Beschäftigungsrückgang noch einschneidender und anhaltender und der Anstieg ab 1998 moderater ausgefallen. In NRW gab es Ende Juni 2000 rund 792.000 Teilzeitbeschäftigte: 168.400 mehr als 1992. Die Teilzeitquote ist in dem Zeitraum von 10,3 auf 13,4% und bei den Frauen, die 86 % aller Teilzeitkräfte stellen, von 23,7 auf 27,5 % angestiegen.

Quelle Landesarbeitsamt, LDS-NW, Veröffentlichungen zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten; * Ende 09.2001

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in NRW in ausgewählten Jahren, jeweils zum 30.06.

Jahr

Beschäftigte in 1000 insg.

Beschäftigte in 1000 Teilzeit

Höchststand

1974

5.803

Tiefststand

1977

5.494

Höchststand

1980

5.649

0,424

Tiefststand

1984

5.352

0,446

Höchststand

1992

5.127

0,624

Tiefststand

1998

5.737

0,737

Höchststand

2001

5.930

0,847*

Hohe Flexibilität der Beschäftigen
Die landläufige Vorstellung, der Arbeitsmarkt sei starr und unflexibel, trifft nicht zu. Für NRW lässt sich eine zunehmende Rotation im Arbeitsmarkt feststellen. Allein 1998 wurden rund 1,7 Mio. Einstellungen vorgenommen. Zugleich endeten circa 1,7 Mio. Beschäftigungsverhältnisse. Gemessen am Jahresdurchschnittsbestand der Beschäftigten von rund 5,8 Mio.), wurden also rund 29 Prozent der Beschäftigten ausgetauscht. Diese Fluktuation liegt bei den Teilzeitbeschäftigen sogar noch höher: 1998 wurden ca. 315 Tausend Teilzeitkräfte eingestellt während 284 Tausend Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse endeten. Gemessen am Bestand der Teilzeitarbeitsverhältnisse wurden 48 % neu begonnen und 43 % beendet.

Arbeitslosigkeit - weiterhin steigende Tendenz
Die konjunkturellen Reaktionen im Wirtschaftszyklus zeigen sich nicht allein in rückläufigen Beschäftigtenzahlen, sondern auch in einem stufenweisen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Es gelingt bis heute nicht, in Zeiten des Aufschwungs die Arbeitslosigkeit auf das jeweilige Vorkrisenniveau zurückzuführen. Jede erneute Phase steigender Arbeitslosigkeit beginnt auf einem höheren Niveau.

Ende Juli 2002 wurden in NRW 821.900 Arbeitslose registriert. Sollte das Wirtschaftswachstum in NRW im Jahre 2003 nicht deutlich über zwei Prozent steigen, dann wird die Arbeitslosigkeit in NRW wahrscheinlich auch im kommenden Jahr weiter anwachsen.

Quelle: Zahlenangaben bis auf 2002 Landesareitsamt-NRW

Arbeitslose im Land Nordrhein Westfalen
in ausgewählten Jahren, Jahresdurchschnittszahlen

Jahr

Arbeitslose

Krise 1966/67
letztes Vorkrisenjahr
Jahr der höchsten Arbeitslosigkeit
Jahr der niedrigsten Arbeitslosigkeit

-
1965
1967
1970

-
33.943
138.170
36.647

Krise 1974/75
letztes Vorkrisenjahr
Jahr der höchsten Arbeitslosigkeit
Jahr der niedrigsten Arbeitslosigkeit

-
1973
1976
1979

-
83.212
365.725
289.300

Krise 1981/82
letztes Vorkrisenjahr
Jahr der höchsten Arbeitslosigkeit
Jahr der niedrigsten Arbeitslosigkeit

-
1980
1988
1991

-
291.122
752.642
562.331

Krise 1993
letztes Vorkrisenjahr
Jahr der höchsten Arbeitslosigkeit
Jahr der niedrigsten Arbeitslosigkeit

-
1992
1997
2001

-
580.473
884.479
766.277

Immer mehr Langzeitarbeitslose
Die tendenzielle Zunahme der Arbeitslosigkeit führt zudem zu einer wachsenden Zahl von Langzeitarbeitslosen, die als Arbeitskräfte "geminderter Qualifikation" gelten. Von ihnen nehmen die Betriebe an, dass sie nur unterdurchschnittlich zum Gewinn beitragen können. Daher haben sie geringere Chancen, in den Arbeitsmarkt (re)integriert zu werden. Von 1991 bis 1998 ist der Bestand von Langzeitarbeitslosen um rund 162 Tausend auf ca. 346 Tausend im Jahresschnitt angewachsen. Zum Ende der 90er Jahre gehörten somit mehr als 40 % der Arbeitslosen zu dieser Gruppe. Unter ihnen waren Ende September 2000 rund 48 % ältere Arbeitslose ab 45 Jahren. So ist auch der Rückgang der Langzeitarbeitslosigkeit und der Altersarbeitslosigkeit bis 2001 weniger auf Integration in Beschäftigung als auf dauerhafte Ausgliederung aus dem Arbeitsmarkt zurückzuführen. Gründe dafür sind u.a. die 58er Regelung im § 428 SGB III und/oder vorzeitiger Rentenbezug.

Profiling als Chance?
Aufgrund der dargelegten Fakten, stellt sich die Frage, was die Integration von "Profiling" in Arbeitsvermittlung zu leisten vermag. Eine steigende Nachfrage nach Arbeitskräften wird damit sicher nicht erreicht. Das würde voraussetzen, dass in großem Umfang neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch eine Erhöhung der Fluktuation würde das Problem nicht lösen. Denn eine schnellere Integration bei einem faktisch stagnierendem Arbeitsplatzangebot, bleibt ohne dauerhaften Effekt. Sie kann nur den Arbeitslosenbestand zum Monatsende verändern. Schon heute melden sich mit 1,3 Mio. in NRW fast doppelt soviel Arbeitskräfte arbeitslos und wieder aus der Arbeitslosigkeit ab, als mit rund 0,8 Mio. im Bestand geführt werden. Am Ende bleiben wohl nur Kostenersparnisse, indem aufgrund des Profilings Arbeitslose mit geringen Vermittlungschancen dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt ausgegliedert werden. Alle anderen Arbeitslosen mit verwertbaren Qualifikationen werden auf schlecht entlohnte Arbeitsplätze verwiesen.

Profiling und Vermittlung - in wessen Interesse?
Ohne neue Arbeitsplätze helfen die neuen Instrumente der Arbeitsmarktpolitik wenig. Wenn Vermittlung und Profiling an die Stelle einer qualifizierten Arbeitslosenberatung treten, können damit unterschiedliche Interessen bedient werden. Arbeitslosigkeit ist für abhängig Beschäftigte ein extremer Verlust an Handlungsmöglichkeiten und wird vielfach als Schock erlebt. Viele Arbeitslose benötigen daher eine neue Orientierung, um in dieser extremen Lage ihre Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Eine qualifizierte Beratung und eine Diagnose ihrer subjektiven Qualifizierungsbedingungen können ihnen dabei helfen. Um ihre Arbeitslosigkeit zu beenden, bleibt Arbeitslosen individuell meist nur die Möglichkeit, sich zu bewerben. Das bedeutet, sie müssen sich an dem Arbeitskräfteaustausch beteiligen. Dabei sollten sie gut informiert und sozial abgesichert sein. Eine Vermittlungsorientierung, die mit einer existenziellen Bedrohung verbunden ist, erzeugt Angst und bewirkt weiteren Kontrollverlust. Deshalb ist es wichtig, dass Profiling, Beratung und Vermittlung von Einrichtungen durchgeführt werden, die im Interesse der Arbeitslosen arbeiten.

Roman Reisch

Hinweis:
Die Angaben zur Arbeitslosigkeit und Beschäftigung beziehen sich auf Zahlen des des Lamdesarbeitsamts NW und des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik NW. Einige strukturellen Zahlen sind der "Strukturanalyse 2000" der Bundesanstalt für Arbeit entnommen. Die Zahlen sind zusammengestellt von Roman Reisch.