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Vor 75 Jahren
„Helft den jugendlichen Erwerbslosen!”
Unter diesem Titel wurde im April 1932 ein Artikel von Eberhard Giese aus Görlitz in den „Blätter(n) der Wohlfahrtspflege” veröffentlicht. Wir finden darin Aussagen, die zeitlos zu sein scheinen – bei allen Unterschieden in den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Wir drucken Auszüge, die teils verblüffen, teils amüsieren.
Dass und warum jugendliche Erwerbslose unter der Arbeitslosigkeit besonders leiden und dass Hilfe für sie innerlich berechtigt, dringend notwendig, ja ein „Gebot der Stunde” ist, ist oft genug gesagt. Wir wollen das nicht wiederholen. Mit leisem Lächeln kann man höchstens feststellen, dass wieder einmal ein Fürsorgezweig Mode zu werden beginnt, der längst von Menschen, die Notstände zu sehen verstehen, still und selbstverständlich bearbeitet wurde, aus natürlichem Instinkt heraus, und weil ja diese Not schon vor Jahren genügend „drängte”. (…)
(…) Schließlich sind wir mit Ach und Weh und vielem Nachdenken zu folgenden drei Forderungen gekommen:
- Wir müssen die abgerissene Verbindung zu Familie, Freund, Arbeit und Beruf wieder zu knüpfen versuchen.
- Wir dürfen den Jugendlichen nicht nur gelegentlich packen, sondern er muss in seiner Lebenssphäre erfasst werden.
- Wir müssen bei allen Leistungen, die wir von dem Jugendlichen fordern, ihm einen – wenn auch geringen materiellen Vorteil zukommen lassen.(…)
(…) Auch der Ehrgeiz, alles selbst machen zu wollen, war zu überwinden. Im Arbeitsausschuss waren Innungen, Gewerkschaften und freie Jugendverbände mit allen Vertretern der amtlichen Stellen vereinigt und damit viele Widerstände von vornherein ausgeschaltet. Denn, wenn die überall auftauchenden „Fachleute” auch selten von sich aus fördern, hindern können sie erheblich, wenn sie übergangen sind.(…)
(…) Dass die Aufträge an die Werkstätten „zusätzliche Arbeit” darstellten, die sonst nicht ausgeführt worden wäre, wurde ständig überwacht. Aber in einer weitverzweigten öffentlichen Verwaltung, in den verschiedenen Schulen and Anstalten einer Stadt gibt es so viele Dinge, die nützlich und erfreulich sind, aber gemeinhin nicht beschafft werden, dass an Aufträgen kein Mangel zu herrschen braucht. Wir haben beispielsweise wochenlang nichts anderes getan, als das große und kleine Spielzeug unserer Anstalten hergerichtet. (…)
(…) Unversehens, das heißt ohne unsere Anregung, hatte sich aus der Tischlerwerkstatt ein praktischer Werkzeichenkursus auf dringenden Wunsch der Jugendlichen unter Leitung des Meisters gebildet. Als man aus „Zuständigkeitsgründen” diesen „Theoretischen Unterricht” in die Gewerbeschule zu verlegen suchte, drohte der Kursus aufzufliegen; denn keiner wollte nochmals in die Schule. Also überließen wir der Werkstatt ihre Zeichenstunden. (…)
(…) Auch dieser Saal wäre ebenso wie der trübselige Korridor einer Fachschule nie ausgemalt worden, wenn sich nicht der Malerkursus darauf gestürzt hätte. Ich weiß, nach den Grundsätzen der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung müssten die Erzeugnisse solcher Werkkurse wieder vernichtet, die Wände also überstrichen werden. Aber wir lassen sie stehen, ebenso wie die naturgroßen Werkmodelle unserer Maurer und Zimmerer, die eingerissen werden sollten. Mögen Fanatiker der Idee oder Vertreter der Konkurrenz dagegen anrennen, wir glauben, höchst naiv, dass jeder Arbeit, auch der Beschäftigung jugendlicher Erwerbsloser, ein Sinn innewohnen muss. Eine Leistung aber, ausgeführt mit dem Ziele, sie sofort nach der Vollendung wieder zu vernichten, hat keinen Sinn.
Eberhart Giese, Görlitz
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