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Jung und kaum Hoffnung

Langzeitarbeitslosigkeit und Kindarmut

Die Wirtschaft brummt. Das hilft Langzeitarbeitslosen wenig. Und ihren Kindern noch weniger, denn sie sind strukturell ausgegrenzt. Wer diesen Kindern eine Chance geben will muss die Scheuklappen abnehmen und neue Wege suchen.

Das haben gerade wir vom Kinderschutzbund nicht erwartet: Die Landesregierung NRW stellt in ihrem „Armuts- und Reichtumsbericht 2007” fest, mehr als 800.000 der 3,3 Mio. Kinder und Jugendlichen in NRW leben unter den Risiken von Einkommensarmut. Das ist jeder vierte Minderjährige. Viele Menschen gehen aus unterschiedlichen Gründen durch Zeiten in denen sie arm sind, an Geld, Gesundheit, Wohnraum, Bildung etc. Was wenn sich eine Phase von Armut verstetigt, beispielsweise aus Arbeitslosigkeit Langzeitarbeitslosigkeit wird? Rund ein Drittel der 2,6 Mio. armen Erwachsenen in NRW lebt unter diesen restriktiven Bedingungen. Das bedeutet, dass rund 270.000 Kinder und Jugendliche in NRW dauerhaft von auskömmlichen Lebensressourcen abgeschnitten sind.

Desintegration durch Arbeitslosigkeit

Denn nach wie vor bestimmt seine Arbeit den Status eines Menschen in der Gesellschaft. Sie formt das Selbstbewusstsein und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe im gewünschten Umfang. Wo Arbeit auf Dauer fehlt, verliert das Leben Struktur, greift Resignation sowie der Verlust von Gesundheit und Realität um sich. Die in einem solchen Milieu aufwachsenden Kinder erfahren überdurchschnittlich oft Vernachlässigung und innerfamiliäre Gewalt. Gesundheitliche, erzieherische, sprachliche und schulische Förderung gehen zurück oder unterbleiben ganz. Körperpflege, Kleidung und Ernährung weisen sichtbare Mängel auf. Der Kontakt zu nicht in Armut lebenden Gleichaltrigen verringert sich.

Dysfunktionales Bildungswesen

Die Experten sind sich einig: Bildung ist der Weg, der aus der Armut heraus führt. Die Pisa-Studie bescheinigt jedoch, dass arme Kinder in Deutschland auf höheren Schulen deutlich unterrepräsentiert sind. Der Anteil der Kinder aus dem sog. Prekariat, die auf das Gymnasium wechseln ist viermal geringer als bei den übrigen Kindern. Jedes vierte Kind erhält bezahlten Nachhilfeunterricht und Hausaufgabenhilfe. Unbezahlbar für Kinder aus dem Armutsmilieu! Von den durchschnittlich mehr als 10%, die von ihrem Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz keinen Gebrauch machen, dürfte der Löwenanteil auf die Kinder der Armen entfallen. Schließlich sind Schul- und Kindergartenbedarf ja keineswegs ganz umsonst für arme Eltern (Mittagstisch). Die wenigen Plätze für Kinder unter 3 Jahren werden wohl auch eher von qualifizierten Eltern genützt, die schnell auf den Arbeitsmarkt zurück sollen, als von langzeitarbeitslosen Eltern, die ihre benachteiligten Kindern möglichst früh fördern wollen.

Der aktuelle wirtschaftliche Aufschwung betrifft in allererster Linie die Qualifizierten und ist für die Gruppe der Langzeitarbeitslosen nur von geringem Nutzen. Wir können davon ausgehen, dass uns ein hohes Armutspotential erhalten bleibt. Das heißt, dann müssen die Kinder von Langzeitarbeitslosen die ihnen in ihren Familien vorenthaltene Förderung durch Pflege, Erziehung und frühkindliche Bildung eben außerhalb ihrer Familien erhalten. Hier sind Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Sozialorganisationen gefordert, die nötige Infrastruktur zu schaffen und das dysfunktionale Bildungswesen generell neu zu strukturieren.

Fehl- und Unterernährung

Kinder in Armut aufwachsen zu lassen, verletzt ihr Recht auf Gesundheit. In dieser Bevölkerungsgruppe ist die Säuglingssterblichkeit am höchsten, Behinderungen treten dreimal so häufig auf. 23% der armen Kinder haben einen schlechten allgemeinen Gesundheitszustand gegenüber 13% der anderen. Wo der Aufenthalt in Schulen und Betreuungseinrichtungen über den ganzen Tag geht, verzichten arme Kinder auf das Mittagessen oder werden abgemeldet. (Kosten für ein Mittagessen ca. 3,– €, Hartz IV-Pauschale für ein Mittagessen 98 Cent). Zu Hause aber haben 66,7% dieser Kinder kein gemeinsames Frühstück und zu 44,4% kein ordentliches Mittagessen bzw. keine warme Mahlzeit. Fehl- und / oder Unterernährung sind die Folge.

Soziale Isolation

Und schließlich sind arme Kinder auch ausgeschlossene Kinder. Ihr Recht auf soziale Teilhabe wird eklatant verletzt. So haben arme Kinder nur zu 33,3% Sportfreunde, die Vergleichsgruppe hingegen zu 57,5%, Freunde zu Hause zu empfangen erstere nur zu 63,5% gegenüber 82,6%, Geburtstag mit Freunden feiern 50% gegenüber 76,3% bei den Armen.

Was ist zu tun?

Wir brauchen eine Umsteuerung von privater zu öffentlicher Verantwortung. Wo Eltern subjektiv oder objektiv nicht in der Lage sind, ihre Kinder auf ein Leben aus eigener Kraft vorzubereiten, da muss die öffentliche Hand einspringen. Wir brauchen frühe Förderung ab der Geburt über Erstbesuche, Familienhebammen und Familienpaten. Plätze in Tageseinrichtungen für Kinder unter 3 Jahren müssen auch den Kindern der Armen zur Verfügung stehen. Die schulische Bildung muss sich völlig neu aufstellen. Wir brauchen einen einheitlichen Schultypus der nicht aussortiert, sondern integriert. Hausaufgaben sind in der Schule zu erledigen. Kosten für Essen, Freizeitangebote und Schulmaterial dürfen armen Familien nicht aufgebürdet werden. Auch der vorschulische Bildungsbereich in Kindertageseinrichtungen und Tagespflege muss generell kostenbeitragsfrei werden, damit auch die Eltern, die in der Nähe der Armutsgrenze leben, nicht aus Sorge vor dem Absturz ihren Kindern das Nötige verweigern und damit deren Zukunft gefährden. Schließlich dürfen Kinder nicht selbst Ursache von Familienarmut werden. Dafür ist sicherzustellen, dass Familienkosten, die durch die Grundversorgung von Kindern begründet sind, arme Familien nicht schlechter stellen als reiche bzw. kinderlose.

Konkrete Hilfe vom DKSB

Der DKSB ist nicht nur Anwalt armer Kinder. Er springt vielerorts ein mit kostenloser Hausaufgabenhilfe und zusätzlichen Bildungsangeboten, sorgt für gesunde Ernährung, Bewegung und Teilhabe. Schulverweigerer und Schulversager werden z.B. in Essen im Projekt „Lernen wie man lernt” so gefördert,
dass der Anschluss an die anderen wieder gefunden wird. Andernorts werden neue soziale Kontakte geknüpft, wird Eltern geholfen, ihre erzieherischen Kompetenzen zurück zu gewinnen, werden Kinder gegen Gewalt, Vernachlässigung und Mobbing unterstützt.

So wichtig solche Aktivitäten sind, sie reichen angesichts der Größe des Problems bei weitem nicht aus. Staat und gesellschaftliche Verantwortungsträger müssen hierfür grundlegend umsteuern.

Dieter Greese

Zum Autor
Dieter Greese ist erster Vorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes, Landesverband
NRW und Mitglied des Vorstandes des Paritätischen Landesverbandes NRW
www.dksb.de

Weitere Informationen
Landessozialbericht 07 NRW 􀂪
www.mags.de Soziales
Sozialbericht
ISS-Studien zur Kinderarmut 􀂪
www.awo.org Stellungnahmen/
Konzepte