Nur 5 Prozent der Überschuldeten in NRW haben Chance auf Hilfe

Der Paritätische NRW fordert bedarfsgerechten Ausbau der Schuldnerberatung


Wuppertal, 14. Juni 2017. In NRW sind 1,7 Millionen Menschen überschuldet. Das sind 11,7 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, Tendenz steigend. Doch nur etwa fünf Prozent von ihnen kann in einer anerkannten, gemeinnützigen Beratungsstelle geholfen werden. „Es ist höchste Zeit, das Beratungsangebot bedarfsgerecht auszubauen“, fordert Hermann Zaum, Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW, anlässlich der am Montag beginnenden bundesweiten Aktionswoche Schuldnerberatung. „Vor allem in den armen Kommunen sieht es bitter aus: Dort wo die Unterstützung am nötigsten wäre, ist der Engpass aufgrund klammer kommunaler Haushalte am größten. Hier ist das Land gefragt. Wir erwarten von der neuen Landesregierung eine deutlich höhere Beteiligung an der Förderung“, so Zaum.

Überschuldung kann jeden treffen. Hauptursachen sind Arbeitslosigkeit, Niedrigeinkommen, Erkrankung und Scheidung. „Weil das Geld oft nicht mehr für die Wohnkosten reicht, drohen Stromsperren und Obdachlosigkeit. Erwerbstätige können wegen der Überschuldung ihre Arbeit verlieren, Arbeitslose keine neue Stelle finden. In Familien leiden die Kinder unter der Armutslage ihrer überschuldeten Eltern“, erläutert Georg Eickel, Fachreferent Schuldnerberatung beim Paritätischen NRW: „Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, brauchen Überschuldete eine qualifizierte Beratung und Begleitung. Und die ist in NRW hoffnungslos unterfinanziert.“

Beispiel Verbraucherinsolvenzberatung: Um ein flächendeckendes niederschwelliges Beratungsangebot sicherzustellen wäre eine Verdoppelung der Mittel notwendig.  Das Land zahlt derzeit 23 Prozent der Fachkräfte in NRW. Der Rest ist kommunal finanziert als freiwillige Leistung. Doch arme Kommunen können das alleine nicht stemmen. „Das Land müsse dringend mehr Geld investieren“, so Eickel. „Diese kurzfristig erhöhten Investitionen würden sich langfristig auszahlen. Ein Euro für die Schuldnerberatung ergibt nach vorsichtiger Schätzung mindestens zwei Euro eingesparte öffentliche Leistungen und Folgekosten.“ Zu erklären ist dies mit der präventiven Wirkung der Schuldnerberatung. Sie stabilisiert die gesundheitlichen, persönlichen und familiären Lebensumstände. Und das führt zu geringeren Krankheitskosten, Vermeidung von Hartz IV und Sozialhilfe bis hin zu Einsparungen bei Jugendhilfeleistungen.

Ergänzende Informationen

 

Der Paritätische NRW und Schuldnerberatung


Der Paritätische NRW bildet das Dach von rund 3.100 Organisationen mit mehr als 6.000 Einrichtungen und Diensten in allen Feldern der sozialen Arbeit. Dazu gehören auch 31 Einrichtungen, die Schuldnerberatung anbieten, 15 davon sind sogenannte anerkannte Verbraucherinsolvenzberatungsstellen. Das sind spezialisierte Schuldnerberatungsstellen, die bestimmte rechtlich definierte personelle und inhaltliche Standards erfüllen müssen und dafür als anerkannte Stellen besondere Aufgaben wahrnehmen dürfen (u.a.: Vermittlerfunktion zu Gläubigern und zum Insolvenzverfahren, Bescheinigung eines erhöhten Pfändungsfreibetrages für das Pfändungsschutzkonto). In diesem Rahmen sind sie zu Rechtsberatung und Rechtsvertretung befugt. Auch diese Einrichtungen arbeiten nach dem ganzheitlich ausgerichteten Konzept sozialer Schuldnerberatung.

www-paritaet-nrw.org


Die Aktionswoche der Schuldnerberatung: 19. bis 23. Juni 2017


Die Aktionswoche der Schuldnerberatung wird bundesweit jährlich von den in der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV) zusammengeschlossenen Wohlfahrts- und Fachverbänden veranstaltet. Die diesjährige Aktionswoche steht unter dem Motto: „Überschuldete brauchen starke Beratung“. Folgende Forderungen nach einer Verbesserung der Rahmenbedingungen für eine gute Schuldnerberatung stehen 2017 im Mittelpunkt:

  • Schaffung eines gesetzlichen Anspruchs auf Schuldnerberatung
    Aktuell gibt es kein allgemeines Recht auf Schuldnerberatung unabhängig vom Einkommen und der beruflichen Situation. Das führt mancherorts zum Ausschluss bestimmter Personengruppen, z.B. der Erwerbstätigen.
  • Ausbau der Schuldnerberatung durch bedarfsgerechte Finanzierung
    Soziale  Schuldnerberatung  ist  ein  ganzheitliches und  auf  nachhaltige  Stabilisierung  ausgerichtetes  individuelles Beratungsangebot. Angesichts der hohen Überschuldungsquote und der immer komplexeren Problemlagen sind eine Aufstockung von Fachkräften und die Verbesserung der finanziellen Ausstattung von Schuldnerberatungsstellen nötig.
  • Verbesserungen beim Pfändungsschutzkonto
    Eine Evaluation, die im Auftrag der Bundesregierung erhoben wurde, hat erhebliche Mängel bei dem für die Schutzfunktion wichtigen Pfändungsschutzkonto festgestellt. Diese Mängel müssen dringend durch eine Gesetzesänderung behoben werden.
  • Existenzsicherung durch bedarfsdeckende Grundsicherungsleistungen
    Die Leistungen nach SGB II („Hartz IV“) und SGB XII (Sozialhilfe) sind bei weitem nicht bedarfsdeckend. Daher sind die Betroffenen zunehmend auf Darlehen der Jobcenter angewiesen. Zur Existenzsicherung und zur Schuldenprävention sind daher Einmalleistungen für größere Anschaffungen oder Reparaturen einzuführen, der Anteil für Energiekosten in den Regelleistungen zu erhöhen und eine realistisch bemessene Kindergrundsicherung zur Vermeidung von Kinderarmut zu entwickeln.
  • Regelversorgung auch bei Beitragsschulden in der Krankenversicherung
    Beitragsschulden in der Krankenversicherung führen zu einer Einschränkung der medizinischen Leistungen mit unabsehbaren Folgen. Sowohl für die gesetzliche  wie auch für die private Krankenversicherung muss dieses Problem durch Gesetz geändert werden.
  • Bezahlbare Krankenversicherung für Selbstständige mit Niedrigeinkommen
    Die starre Bemessung der Beiträge auf ein Durchschnittseinkommen führt zu pauschal hohen Beiträgen, die Kleinselbständige finanziell überfordern und Start Ups scheitern lassen können.

www.aktionswoche-schuldnerberatung.de

 

Geldmünzen auf Kontoauszug
Anlässlich einer bundesweiten Aktionswoche fordert der Paritätische NRW einen bedarfsgerechten Ausbau der Schuldnerberatung.
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